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16. Juni 2005, 11:11 Uhr, Johannes

Meinetwegen

Er kam und liebte mich nicht weswegen ich mich mochte, sondern meinetwegen.

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18. Mai 2005, 15:32 Uhr, Johannes

Schwule Schnecken

Ja, die meisten Schnecken sind Zwitter, ich weiss, und darum ist die Chance auch eher klein, dass sie rechtens als schwul bezeichnet werden können - aber wen interessiert das schon? Säue sind ja auch per Definition weiblich und trotzdem hab ich noch niemanden 'Du schwuler Eber!' oder etwa 'Du lesbische Sau!' schimpfen hören. Nein, die Sau ist schwul, das war schon so als Fabian in den Kindergarten ging und es war noch so, als er sich mit 15 in den Michael aus der Parallelklasse verliebte. Doch heute ist das anders. Heute sind Schnecken schwul. Schwul wie sau.

Eine nicht allzu sehr fundierte Internet-Recherche ergab: „Sowohl die im Meer lebenden Hinterkiemer, als auch die Land und Süßwasser bewohnenden Lungenschnecken sind Zwitter, die sowohl männliche, als auch weibliche Organe in einem gemeinsamen Genitalapparat haben.“

Schnecken können sich wechselseitig begatten, stand da weiter geschrieben, eine Selbstbefruchtung sei allerdings durch den Verlauf der Entwicklung und Reifung von Samen- und Eizellen ausgeschlossen.

Diese Situation wirft Fragen auf: Wer ist beim Sex für die Verhütung verantwortlich? Wer zahlt wem Alimente, wenn beide schwanger werden? Welche Schnecke steht am Herd? Wie teilen sie sich väterliche Strenge und mütterliche Fürsorge? Überhaupt: Was soll aus dem Frauenturnverein werden? Und was aus geschieht mit dem Männerchor?

Zugegeben, Beweise sind das keine - aber wie gesagt: wen interessiert das schon? Und wie auch immer Mann und Frau sich das mit diesem zwitterigen Genitalapparat vorstellen sollen: Heute sind die Schnecken schwul und nicht mehr die Säue, Fabian ist letzten Monat 20 geworden und zusammen mit Michael wirbt er am Informationstand des Vereins „Ja zum Partnerschaftsgesetz“ nicht nur für ein Ja zu einem Gesetz, sondern auch für ein Okay zu ihrer Liebe.

Darum legt am 5. Juni ein Ja zum Partnerschaftsgesetz in die Urne!
Für Fabian, für Michael und weil Schnecken heute schwul sind.

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19. Februar 2005, 12:52 Uhr, Johannes

Spielball

Es ist Jahre her. Zwischen den Zeilen stapelt sich die Wahrheit, möglichkeitsweise. Irgendwo da, stückweise dort wird nichts sagendes Nichtgesagtes gewichtig und zerrt entgegengesetzt. Spielball.

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25. Oktober 2004, 17:48 Uhr, Johannes

Kürzlich, nachts

Ich bin Gott

begegnet.

Er sagte: 'In der Nacht werden wir uns ähnlicher.'

Ich sagte: 'Möglicherweise ist das so, weil wir betrunken sind. Oder müde. Oder weil wir, wenn's dunkel wird, uns nicht mehr beobachtet fühlen.'

Dann sagte er: 'In der Nacht werden wir uns ähnlicher.'

und ich habe geweint.

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28. August 2004, 18:50 Uhr, Johannes

Liebeslied

Ich wollte den Sommer verfluchen. Nicht des Wetters wegen, es war sonnig - nicht zu heiss, und auch die Arbeit war nicht der Grund, ich hatte keine.

Ich wollte den Sommer verfluchen, seiner Bühnen wegen und der Liebeslieder, die darauf gespielt wurden. Von Vermissen war da die Rede, von Herz verlieren oder verschenken, von verzeihen oft; vom Warten und Bleiben, vom Trotzdem, vom Weswegen, von für- und miteinander und immer und immer und immer wieder von Gemeinsamem und Beisammensein.

Ich wollte den Sommer verfluchen und wäre mir das Musizieren gegeben, ich hätte einen Blues in A geschrieben. 'Wasted Lovesongs' sein Titel und ich hätte darin besungen, wie nutzlos und vergeben sie sind, all die Lieder dieser Liebe; wie unberührt und kühl sie sich in den Weiten des Sternenzelts verlieren, wenn es zu all dem Klingen und Singen kein Du gibt, dem man widmen kann.

Ich wollte den Sommer verfluchen, da betratst du meine Bühne; mit deinem Haar, hell und seiden, und diesem Stahlblau in den Augen. Dein Lächeln glühte und dein Bewegen war von Gelassenheit wie Würde. Ob ich dich und uns heute anders sehen würde, wenn ich nicht wüsste, was du für mich empfindest? Und ob das danach Fragen damals ein Fehler war? Vielleicht, und doch: Dass du mich nicht küssen wolltest, tut meiner Sehnsucht keinen Abbruch. Blues in A bliebe, deinetwegen würde er zum Liebeslied.

Ich wollte den Sommer verfluchen und ich hätte es getan, wärst nicht du mir zuvor gekommen - kurz bevor er zu Ende war.

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15. August 2004, 12:49 Uhr, Johannes

Sternendings

Gestern, es war schon später, stiess ein Astrologe in unsere Runde. Odeon, das mit den gelben Schirmen.
Er erklärte mir, dass ich - vorausgesetzt meine angegebene Geburtszeit sei korrekt, was ich nicht beschwören konnte, da ich zu dem Zeitpunkt, Geburt wie gestern Abend, leicht benommen war - mit meiner Sternendings ein nicht ganz einfach Los gezogen hätte, denn Fische und Aszendent Waage sei eine grauenhafte Kombination im Bezug auf Entscheidungen.
Und ja, ich stellte mir vor, wie Fisch so durch die Gewässer gleitet und bei der Frage, ob nun das eine oder andere Ufer sich eher eigne, dem einen oder anderen Wasserzeichen schöne Fischaugen zu machen, sogleich ins Sinnieren verfällt und - weil Waage - beginnt, die Schalen mit Argumenten für die beiden Ufer zu füllen.
Derweil, denn genaues Abwägen setzt Musse und ein zwei Glas Wein voraus, treibt Fisch Fluss abwärts über Schnellen an Stellen, wo die Argumente für Ufer links wie Ufer rechts ihre Gültigkeit verloren haben. Die Entscheidung also fällt Fisch, wo Argument und Ufer kein Gemeinsames mehr sind.
Dies bewusst geworden stellt sich für Fisch die Frage, ob er sich aufgrund der veränderten Umstände auf ein erneutes Abwägen einlassen soll - oder, ob Fisch mit Waage im Aszendent zurück zur Stelle fischen soll, wo die Argumente auf die Ufern passten. So treibt Fisch weiter Strom abwärts und Waage sammelt Argumente für das Umdrehen und Argumente für erneutes Abwägen und die Geschichte findet kein Ende.
Da dieser Zustand - so vom Ufer aus betrachtet - wahrhaftig kaum erträglich erscheint, habe ich mich nach dem dritten Glas entschieden, dass ich von mir aus Fische sei, mein Aszendent aber unmöglich Waage sein kann und dass ich mich folge dessen mit der Geburtszeit etwas vertan haben muss. Die Argumente dafür liegen in der linken Schale.

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19. Juni 2004, 13:16 Uhr, Johannes

Pusteblume

»Ich würde gerne mal wieder mit dir schlafen«, sagt er, schaut mich an, schüchtern, realisiert dann, wie man das auch noch hätte hören können und präzisiert: »Schlafen, weisst du, mit dir Arm in Arm einschlafen, so meine ich das.«

Ich lächle und versichere, dass ich ihn wohl richtig verstanden hätte, und dass ich nichts lieber tun würde als das, werde rot dabei, weil ich lüge, dann umarmen wir uns, mir wird heiss und zum Küssen zu Mute, wozu es mir aber wie meistens an Mut fehlt. Es war noch nie meine Stärke, Bedürfnisse kund zu tun, Gefühle zu zeigen und überhaupt, sie zu haben kommt mir mehr und mehr abhanden. Sie sind mir lästig, seit je her.

Ich werde einer dieser griesgrämigen Alten werden, die weder den Weg in die Freiheit noch zu Gott gefunden haben und ich werde die Jugend verfluchen, weil sie die Grenzen nicht kennt, meine Grenzen; weil sie sich bedingungsloser Selbsterfahrung hingibt, Drogen konsumiert, Sex hat und macht und sich nichts dabei denkt, das wird mein Vorwurf sein; weil sie frei ist, sich spürt, während ich immer eher bis nur Verständnis für die Gefühle meiner Gegenüber hatte als für die eigenen.

Und jetzt steht er wieder da, will Arm in Arm mit mir einschlafen, und ehe ich ihm sagen kann, dass ich nicht damit umgehen könne, dass es ihn immer nur dann nach meinen Armen sehnt, wenn er zufällig mal wieder für ein paar Tage in der Stadt sei, drücke ich ihn an mich und sage ihm, dass ich es schön finde mit ihm, ich froh sei, ihn zu haben und all den Plunder, den man von schlechten Filmen kennt und von banalen Texten.

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